Udo Schindler / Marco Von Orelli

Luft.Spiele

FMR Records CD416-0216

 

LINER NOTES

Air is there. Isn’t. Has anyone ever seen air? Or smelled it: the nothingness surrounding us at all times that is there for us and without which we wouldn’t be? Do we know it? Do we ever think of it? Maybe as children – back when we were brandishing airguns, lifting air guitars skyward and trying to hold the air in our lungs when underwater. How long we could be with a handful of it. Thus, the unseen presence and absence pushes us into eye-rubbing wonder: soundless and faceless it makes us what we are!

The gradual formulation of notes while playing: at first there is a breath, a tiny spot of color, in painterly diction. Delicately starting to move and changing. Are these still notes, or no longer? Or not yet? Spitting, spluttering, gulping down again. „Did you know that air can sound, Sir? And when was the last time you listened to the wind?“ The spot of color begins to tremble, grows fuller, losing paleness, it hops and leaps. Grows red, green, increases, decreases, like a chimera, continually switching masks. The notes are there and not there. One playing trumpet, the other saxophone. But are these still instruments? And is this still relevant? Someone says no meaning yes? Or the other way round? Or is he turning upside down everything which else is wont to walk on feet? That squeaking, sizzling, bubbling of air. So much ardor in the air! At the beginning there was nothing. And at this point, God is not the only one to know it. Observing what the moving air is scraping out of itself, we know it too. Air ahoy! So much said with a substance that has no substance and for which no one as yet has hit upon the idea (why not, indeed?) of opening a museum. At the interface of being and not being, the sounds unfold their whole drama, their precarious delight in a loose existence that can at any time, as we all know, flip back into nothingness, forever lost.

And if it weren’t there? As children we knew it when we emerged, gasping and snorting, from the bathtub. We had barely made it before the air was gone.

The principle of dialog: one playing, the other listening. And the other way round. Both ear trumpets turned to the outside, mirrors tilted to the inside. Each an osmotic cell, pulsing, breathing, incorporating the other’s otherness, always permeable at the edges. That is how we listen to the constant exchange of voices that, without turning a hair, step and plow through each other, roll each other up and down, realign each other; ideally, celebrating a wedding: the exultant you are I.

 

Making emphatic marks, manifestation of the august moment, creating landscapes and bizarre contours which, barely formed, vanish back into haze, leaving us behind as entranced dreamers.

Kairos: two agents inventing a third, that hasn’t been around before. Wresting it from the vibration, still unheard, gradually advancing into the ear until it bursts and has to come to the fore. Listening to the magic, when sudden encounters happen without blinders and without fear of stepping into a cave of unrest and magnetism. Something that could happen only this way and in the moment when these two air pirates, these gentle hunters in a wood of whispering yearning, divested themselves of all obviousness and blindness facing humans in the everyday world to uncover a miracle.

The miracle of creating from nowhere, the miracle of condensed existence in sounds that are finally blaring: „We are here!“ Godlike and still down to earth; closely inscribed into time regained.

Omri Ziegele/March 2016

For Marco & Udo

Translation Friedrich Mader

 

 

 

Luft ist da. Ist nicht da. Hat jemand schon Luft gesehen? Oder gerochen: das Nichts, das uns ständig umgibt, das da ist für uns und wir wären nicht ohne? Wissen wirs? Denken wir je daran? Als Kinder vielleicht, — damals, als wir mit der Luftpistole herumfuchtelten, die Luftgitarre hoch gegen den Himmel stemmten oder das Luftanhalten Unterwasser erprobten; wie lange wir sein könnten mit einer Handvoll davon. So stösst das Unsichtbare, Anwesend-Abwesende uns in augenreibende Verwunderung: laut- und gesichtslos macht es uns zu dem, was wir sind!

Die allmähliche Verfertigung der Töne beim Spielen: zuerst ist da ein Hauch, ein winziger Farbtupfer, malerisch gesprochen. Der sich ganz zart in Bewegung setzt, sich wandelt. Sind das Töne, oder schon nicht mehr? Oder noch nicht? Spuckend, ausspuckend und wieder verschluckend. „Wussten Sie denn, dass Luft tönen kann, mein Herr? Und wann haben Sie zum letzten Mal dem Wind gelauscht?“ Der Farbtupfer beginnt zu zittern, wird voller, die Blässe verschwindet; er hüpft, springt. Wird rot, grün, nimmt zu und ab wie eine Chimäre, stets die Maskierung wechselnd. Die Töne sind da und nicht da. Einer spielt Trompete; ein anderer Saxophon. Aber sind das noch Instrumente? Ist das noch relevant? Sagt einer Ja und meint Nein? Oder umgekehrt? Oder stellt er lieber gerade alles auf den Kopf, was sonst auf Füssen zu gehen beliebt? Dieses Luftknarren, Luftzischen, Luftbrodeln. Soviel Lust in der Luft! Am Anfang war nichts. Das weiß in diesem Moment nicht nur Gott. Wir, die wir verfolgen, was die bewegte Luft aus sich herausschält – wir wissen es auch. Luft ahoi! Soviel gesagt mit dem Stoff, der gar keiner ist und für den es noch niemandem (wieso eigentlich nicht?) in den Sinn kam, ein Museum einzurichten. An der Schnittstelle zwischen Sein und Nichtsein entfalten die Töne ihre ganze Dramatik, ihre prekäre Lust am losen Dasein, das jederzeit, wir wissen es, ins Nichts zurückkippen kann; verloren für immer.

Und wenn sie nicht wäre? Als Kinder wussten wir es; prustend und keuchend aus der Badewanne auftauchend. Wir hatten es gerade noch geschafft, bevor die Luft weg war.

Das dialogische Prinzip: einer spielt, der andere hört. Und andersrum. Beide nach außen gestülpte Hörrohre, nach innen geneigte Spiegel. Jeder eine osmotische Zelle, pulsierend, atmend, sich das andere einverleibend, den anderen; jederzeit porös an den Rändern. So hören wir dem ständigen Miteinander der Stimmen zu, die, ohne mit der Wimper zu zucken, sich gegenseitig durchschreiten, durchpflügen, den anderen auf-, umkrempelnd, neu ausrichtend; im glücklichen Falle Hochzeiten feiernd, das jauchzende: Du bist ich.

Eindrückliche Spuren hinterlassend, Losung des erlauchten Momentes, Landschaften zeugend, bizarre Konturen, die, kaum formiert, wieder im Nebel verschwinden, uns als berauschte Träumer zurücklassend.

Kairos: Zu zweit ein drittes erfinden, das noch nie da war. Der Schwingung abtrotzen, der noch ungehörten, sich mählich ins Ohr begebenden, dort platzenden, unverhofft ans Tageslicht genötigt. Lauschend der Magie, wenn sich Plötzlichkeiten begegnen ohne Scheuklappen, ohne Angst vor dem Höhlengang ins Unbefriedete, Magnetische. Das, was nur so und dann und in dem Moment geschehen konnte, da diese zwei Luftpiraten, diese zärtlichen Jäger im Wald des sehnsuchtsvollen Rauschens, sich der alltagssortierten Selbstverständlichkeit, der ewigen Blindheit, die dem Menschen entgegenschlägt, entledigten, um dem Wunder auf die Spur zu kommen:

Dem Wunder der Erschaffung aus dem Nichts, dem Wunder des gepressten Daseins in den endlich schmetternden Tönen: „Wir sind da!“ – gottähnlich und doch ganz hiesig; engmaschig eingeschrieben in die wiedergefundene Zeit.

Omri Ziegele/März 2016

Für Udo & Marco

 

 

 

REVIEWS

 

UDO SCHINDLER & MARCO VON ORELLI Luft.Spiele (FMR Records, FMRCD416-0216):

Mit allen Raffinessen, die sich nur denken lassen, saugen, zerren, schaukeln, wirbeln, pressen die beiden Salonlöwen der 58. Ausgabe die Luft in den Dienst der Klang+Kunst in Krailling. Am 25.9.2015 spielte der Gastgeber Sopranino & Tenorsaxophone sowie Kornett, der Besucher aus Basel seine von Omri Ziegele’s Billiger Bauer, Kaspar von Grünigens Bottom Orchestra und dem eigenen Quintett her bekannte Trompete. Ziegele schrieb den beiden Luftikussen auch eine blumige Laudatio, nennt sie „zwei Luftpiraten“ und „zärtliche Jäger im Wald des sehnsuchtsvollen Rauschens“, prostet dem „Wunder des gepressten Daseins“ zu und proustet was von wiedergefundener Zeit. Zu schön aber auch fauchen und schmauchen, kirren und gurren, brodeln und tröten die beiden mit dem Beinahenichts in ihrer windigen Kanalisation. Sie flatterzüngeln und schnarren im Windschatten der zunftüblichen Schmetterei kuriose Zapfenstreiche mit einer Virtuosität, bei der der Diabolus in musica sich als Raubein mit spitzen Hörnern zeigt. Ich wusste gar nicht, dass Orelli ein derartiger Spaßvogel ist, der in jeder Lage die Schräglage sucht und findet. Mutet es kurz mal etwas zahmer und getragener an, folgen gleich wieder abgewürgte oder aufgekratze Töne, geploppte und gespotzte, rostige und krumm gebogene, gern auch in spitz geknickten Zacken oder paradoxen Sprüngen. Schindler gründelt in tiefster Lage, Orelli bläst tonlos durch ein undichtes Ventil, der eine fiept, der andre schmatzt und kieft am Mundstück wie ein Hund an seinem Knochen. Zwischendurch sprudelt es in einem Zug durch wie bei Peter Evans, zum Ende zu spürest du aber kaum noch einen Hauch. Das klappt so intensiv und punktgenau, dass die beiden sich heuer an Ostern in der Traunsteiner Klosterkirche erneut verabredeten, mit Baby Sommer als Spaßverstärkung. [BA 92 rbd]

 

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Udo Schindler – Sopranino Saxophone, Tenor Saxophone, Cornet

Marco von Orelli – Trumpet

With all the refinements that can be imagined, suck, pull, swing, twirl, squeeze the two lounge lizards the 58th edition, the air in the service of sound + art in Krailing. on 25/09/2015 played the host sopranino & tenor saxophones and cornet, the visitors from Basel’s Omri Ziegele’s cheaper Bauer, Kaspar von Grünigens bottom Orchestra and his own quintet her famous trumpet. Ziegele wrote the two Luftikussen a flowery eulogy, calls them „two hijackers“ and „tender hunters in the woods of yearning noise“, cheers the „miracle of existence squeezed“ to and what proustet of rediscovered time. Too beautiful but also hissing and puffing, Kirren and cooing, bubbling and the two hornswith almost nothing in their windy sewer. You flatterzüngeln and buzz in the lee of the guild usual Schmetterei curious tattoos with a virtuosity in the Diabolus in musica shows a roughneck with pointed horns. I did not knowthat Orelli is such a joker who seeks the skew in any situation and place. Mutes it short times to somewhat tame and worn, follow again abgewürgte or be scratched sounds geploppte and gespotzte, rusty and crooked curved, like also pointed bent prongs or paradoxical jumps. Schindler green delt in deepest able Orelli blows flatly by a leaky valve, the whimpers one who gobbles andre and Kieft the mouthpiece like a dog to his bone. In between bubbling it through on a train like Peter Evans, the end to spürest thou hardly even a hint. That works so intense and precisely that the two of them this year at Easter in Traunstein monastery church again agreed with Baby summer fun gain. [Rbd BA 92]         

 

 

UDO SCHINDLER & MARCO VON ORELLI – Luft.Spiele (FMR 416; UK) Featuring Udo Schindler on sopranino & tenor saxes & cornet and Marco Von Orelli on trumpet. The great FMR label continues to present a wealth of gifted musicians from different scenes. German reedman, Udo Schindler appeared on another newer duo CD from FMR with fellow saxist Frank Paul Schubert. Swiss trumpeter, Marco Von Orelli, has two fine more recent discs out on Hatology. This disc was recorded live in Munich, Germany) in September of 2015. These two players seem well matched, spinning quick lines around one another, from fast & furious to slow & assured. Both men take their time to explore, bending and twisting notes carefully. The song titles all start with ‘Luft’ and deals with terminology which is involved with wind, like suction or airspace. Midway, the duo slow down for some more contemplative dialogue, which is calm yet somehow fascinating. They eventual move into soft, steaming radiator sounds which were popular with Erstwhile trumpeters Axel Dorner & Frantz Hautzinger for a short while. A rather striking, intense and unsettling duo that shouldn’t be ignored. Bruce Lee Gallanter, DMG

http://www.downtownmusicgallery.com/newsletters_current/10-14-16.php

 

SCHINDLER / ORELLI

luft.spiele

FMR / fmr-records.com

Udo Schindler (ss, ts, cornet)

Luft.Spiele ist ein Veröffentlichung des deutschen Musikers und Architekten Udo Schindler aus Krailling bei München, in diesem Fall mit dem Schweizer Trompeter Marco von Orelli. Das Album besteht aus neun Nummern, die meist um die vier Minuten andauern und sich dem Element Luft von diversen Seiten nähert. LUFTzeichen, LUFTsog, LUFTtraum, so die ersten drei Titel dieser Veröffentlichung. Die Gesamterscheinung dieser CD ist sehr stimmig mit passendem Layout und ergänzendem Begleittext des Musikers Omri Ziegele. Er befasst sich darin assoziativ mit dem Thema Luft. Die zu hörenden Aufnahmen entstanden im Rahmen eines Konzerts, welches im September 2015 im „Salon für Klang und Kunst“ in Krailling stattfand. Sehr dicht ist die Musik, die einem hier begegnet. Luftgeräusche selbst in Form von purem Rauschen gibt es nicht zu hören. Man begegnet hier eher expressiven Klangäußerungen im Duo sowie geräuschaffinem Spiel auf den jeweiligen Instrumenten. Die Musiker befinden sich in einem steten Dialog miteinander. Hier wird ohne viel Firlefanz für den Moment musiziert, und zum Anhören ist das recht kurzweilig.

freiStil #70 (kat) – jan.2017

 

Klang als Ursubstanz |

Neue CDs von und mit Udo Schindler 

München, 11.08.2017 | Udo Schindler ist hauptberuflich Architekt, aber mit mindestens ebenso viel Passion ein mutiger musikalischer Grenzgänger, vor allem auf Klarinetten aller Couleur und dem Kornett. Und wes andere ständig in die Welt hinauszieht, liebt er die produktive Einheit aus eigenem Lebensmittelpunkt und kreativer Wirkungsstätte in seinem Haus in Krailling bei München. Auch viele improvisierende Musikerinnen und Musiker aus NRW, zum Beispiel Ute Völker oder Erhardt Hirth zog es schon nach Süddeutschland, um zusammen mit dem Hausherren in den „Salons für Klang und Kunst“ vor einem sensibilisierten Publikum aufzuspielen. In jedem Fall ist der Veranstalter dieser überregional vielgefragten Reihe ein einfühlsamer Duopartner. Oft sind die Begegnungen völlig adhoc – und werden regelmäßig auf liebevoll (meist auf dem Eigenlabel Arch-Musik) produzierten CDs verewigt.

Udo Schindler beruft sich gerne auf ein Postulat von Giacinto Scelsi, der die unmittelbare Physis eines undomestizierten Klanges zum Ansatzpunkt nimmt, während alle „Musik“, sprich sämtliche menschen-geschaffene Ordnungssysteme des Tonmaterials nur sekundäres Konstrukt sind. Dieses Prinzip von Grund auf verinnerlichend, haben Schindler und seine ständig wechselnden Spielpartner eine vielgestaltige Kommunikationskultur geschaffen.

Das gilt auch für die „Luft-Spiele“ mit Marco von Orelli. Besagter Trompeter lässt sich mit Schindler, der hier auf Sopranino- und Tenorsaxofon sowie auf dem Kornett zu hören ist, auf kurzweilige, zugleich fordernde Diskurse ein. Ziehen, saugen, spiegeln, verwirbeln – was kann man nicht alles mit dem Grundelement allen irdischen Lebens anstellen!

NRW-Jazz & Jazzzeitung – Stefan Pieper